von Diana Birchall
Mellas Meinung |
![]() erstmals erschienen: Mai 2004
Mellas Meinung Mrs Darcy's Dilemma entsteht hauptsächlich durch das Aufeinanderprallen von gesellschaftlichen Normen und Werten mit unreifen Träumen und schierer, sorgloser Lebenslust. So ist es nach fünfundzwanzig Ehejahren die nächste Generation, die für Aufruhr sorgt und das Leben der Austen-Charaktere durcheinander bringt. Mrs Darcy's Sorgen werden schnell deutlich bei den Darstellungen ihrer eigenen Kinder und Nichten. Nicht lange muss jemand raten, um darauf zu kommen, dass keine anderen als Lydia's Sprösslinge zur Quelle des Ärgers auserkoren sind. Beim Lesen drängt sich der Gedanke sofort auf, dass die Handlung von Austen's "Mansfield Park" abgekupfert ist, wenn es dazu kommt, dass zwei Töchter Wickham's auf Pemberley aufgenommen werden und ihnen gegenüber zwei Söhne Darcy's stehen. Folglich, und wenn auch ungewollt, werden Darcy und Lizzy gedanklich in die Rolle der Bertrams gepresst, was zudem in ihren Unterhaltungen deutlich wird und falsches, sowie untypisches Verhalten forciert. Trotz Abweichungen in Situation und Handlung steht der Grundgedanke felsenfest und zeigt auf, wie unpassend die Darcy's für einen Abklatsch anderer - dieser - Austencharaktere geschaffen sind. Mit solch einer unwillkommenen Ausgangssituation, begleitet von einem Kopfschütteln über fälschliche Personendarstellungen, startet das Buch in das zweite Kapitel. "I never see young Jeremy without wishing to kick him." Diese Worte würde wohl niemand aus dem Munde Darcy's vermuten, spricht er dazu noch über Bingleys Sohn. Doch sind er und Elizabeth regelrecht bösartig und niederträchtig in ihren Unterhaltungen - besonders über die Verwandtschaft. Elizabeth verliert ihr Gesicht komplett. Ansichten und Wertvorstellungen werden rücksichtslos den Idealen der Gesellschaft angepasst. Ihr Benehmen reicht von hysterisch bis zurückhaltend und auch einige zynische Worte ließen mich vergebens nach Witz, Klugheit oder weiblichen Ratschlägen suchen, woran es mehr als einmal fehlte! Lydia muss als eine Zweitausgabe Mrs Bennets herhalten, was grausam überzogen wirkt. Und trotz kompletter Neuerschaffung hatte ich nicht mehr Verständnis für die Nachkommen. Was die Darcy-Söhne betrifft, entsprechen sie grob dem Bertram-Vorbild und werden in nahezu akribisch genaue Musterbeispiele für Gut und Böse - Vorzeigesohn und verzogener Erstgeborener - gesteckt. Für mich ist die Vorstellung von Darcy's Sohn als ein Abbild Wickhams oder ähnlicher Charaktere einfach abstoßend und war somit nicht gerade hilfreich, um meine Einstellung zum Roman zu verbessern. Die zwei ältesten Wickham-Töchter, Bettina und Cloe, sind in vier Worten komplett beschrieben: Maria Bertram und Fanny Price. Wobei Erstere, wohl selbst für Austen's Miss Bertram noch zu aufgeschlossen sein dürfte, da Betty Wickham eine verlorene Tochter Becky Sharp's aus "Vanity Fair" zu sein scheint. Die Handlung, in die diese Personen verstrickt werden, ist schon erstaunlich! Neben Durchbrennen und das spielerische Wechseln der Liebhaber - worin Bingleys Sohn eine "extravagante" Rolle bekommt - ist abenteuerlich. Auch darf dieses Mal ein Darcy losziehen, um Familienehre zu retten. Doch was neu überlegt scheint, ist nur umso schlimmer, aufgrund der Absurdität der Szenerie. Ich kann nur sagen, dass Birchall Lydia sehr verachten muss, betrachtet man das, was ihre Tochter für ein Schicksal zugewiesen bekommt. Begriffe wie Schauspielerin und Seiltänzerin sowie Geliebte, die schon die Bezeichnung Edelprostituierte verdient, sollen hier genügen. Die Bingleys sind Schatten ihrer Nachgiebig- und Großzügigkeit. Selbst Lady Catherine de Bourgh ist unglaubhaft und zeigt sogar Anflüge von Nettigkeiten. Wozu allerdings die Konfrontationsszene mit ihr und Cloe, a là Lizzy und Lady Catherine, dienen soll, ist mir unbegreiflich. So hält diese, wie oft bei andere Ereignisse und Darstellungen in der Handlung, einfach auf, streckt und ein Stillstand tritt ein. Oft sogar verzweigen sich die Umstände noch, was ermüdet und langweilt. Weiterhin ist der auf zwei Seiten abgehandelte Tod Mr Bennets nahezu verachtenswert. Offensichtlich dient dieser nur dem Zwecke, für die Collins Platz zu schaffen. Birchall hätte dem Leser wenigstens dann auch noch seine letzten und einzigen Worte in dieem Buch ersparen sollen! Kurz: die Charaktere sind alles andere als überzeugend und Klischees angepasst, was sie unglaubwürdig und flach, oder gerade das Gegenteil, überzeichnet, erscheinen lässt. Die Konflikte in diesem Buch sind aufgetragen und zahlreich. Überraschenderweise tut im Endeffekt niemand etwas, um sie zu lösen. Alles ergibt sich mit Hilfe des Zufalls, aber nicht durch aktives Handeln. Auch ist es nicht zu negativ anzusehen, dass nicht Mrs Darcy als Hauptperson zu erkennen ist, was der Titel vermuten lassen könnte. Aber dass Birchall sich wohl nicht entscheiden konnte, wer es überhaupt sein soll dagegen schon. Zusammengefasst trägt der Schreibstil dazu bei, die Handlung farblos und gestellt wirken zu lassen. Der scheinbar gezwungenermaßen eingebrachte Humor wirkt kalkuliert und hebt nur die dick aufgetragene Melodramatik noch hervor, anstatt auszugleichen. Der Leser kann einfach nicht mitfühlen oder gerät gar nicht in die Versuchung nachempfinden zu wollen. Birchall schuf nicht einmal einen tatsächlichen Antagonisten, um wenigstens Spannung aufzubauen oder wirkliche Konfrontationen zu schaffen. Die auftretenden Bezüge zu Literatur, auffallend in einem Kapitel untergebracht, wirken, im Gegensatz zum oberflächlich erscheinenden Stil, geradezu lächerlich und wie gemusst eingebaut. Eines jedoch empfand ich als gelungen! Die gewählten 25 Ehejahre lassen es zu, dass die Autorin sich an einem bemerkenswerten Punkt der englische Geschichte befindet. Somit erwähnenswert ist der Einbau der Thronweitergabe von William IV an seine Nichte Victoria. Doch leider finden sich sonst keinerlei zeittypische Bemerkungen, die nicht einem Klischee entspringen. Auch hier ist somit ein Minuspunkt zu vergeben, da ein zeitgenössischer Hintergrund einfach nicht gegeben ist. Das Ende, nicht überraschend, ist enttäuschend. Neben der kurzen Abhandlung und nebenbei erwähnten Hochzeit der Darcy-Tochter, wird Weihnachten, Londonaufenthalt, sowie abschließende Schlussurteile über Bettina und Cloe, sozusagen das Erörtern von "Selbstfindung damals", abgeschlossen. Oder sollte ich sagen, Ende der Einführung des Grundsatzes, dass eine Frau bei Neuigkeiten in Ohnmacht fällt? Bewundernswert ist noch der Wandel im anfänglich scheinbaren grundbösen Fitzwilliam Darcy (Junior), welcher ein hartes Schicksal erfahren muss, bis er dann weise altkluge Worte rezitieren kann über "the bad old days". Nun, auch die Tage an denen ich dieses Buch zu viele Stunden las, könnten damit beschrieben werden! Wer keinen Humor für schlechte Folgeromane hat, sollte hier die Hände davon lassen. Zu bemitleiden sind jene Bingleys und Darcys bei solchen Kindern! (von Mella 03/05) |
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