Darcy & Elizabeth

von Linda Berdoll


Mellass Meinung

erstmals erschienen: Mai 2006
Taschenbuch, Sourcebooks Landmark, ISBN: 1402205635

Mellas Meinung

Dies ist keine hübsche Idee, mit der "glücklich bis ans Ende ihrer Tage"-Philosophie, verpackt in einen Fortsetzungsroman. Diese Geschichte zieht Darcys und Co in das vielschichtige Leben eines jungen Jahrhunderts. Kein anderer hat bis jetzt Kummer und Freude, sowie Brutalität und Liebesgeflüster, so vereint wie es Berdoll vermag. Sie hat jegliche Register gezogen, um Niederschmetterndes mit höchstem Glück abzulösen, nur um auf der nächsten Seite wieder unerwartetes Unheil in Pemberley, Rosings oder Kirkland Hall Einzug halten zu lassen.

Mit "Darcy and Elizabeth" betrat ich erneut die Welt, geschaffen von Linda Berdoll, welche das Ende von Austens "Pride and Prejudice" als einen literarischen ,coitus interuptus' sieht und ich war sicher, sie würde ungeniert auch hier wieder alles versuchen, um Leser nach ihren Geschmack zu "entschädigen". Während meines Lesens der ersten Kapitel war ich fest davon überzeugt, dass ein armseliges Schauspiel mit Handlungsinhalten, nicht weit über Darcy und "the palpable pain in his loins" hinausgehend, vor mir liegt. Trotz kurzer Kapitel schien ich nicht voranzukommen. Das Darcygespann samt Nachwuchs macht sich nicht bezahlt. Ist eher abschreckend. Resignierte ich jedoch beinahe zu Beginn, als Darcy seine Kinder mit "some sort of squirming root vegetables" vergleicht, erwachte bald ein unbewusstes Leseinteresse. So, wie erst im Verlauf des Romans Darcy als "a man who, above else, held matters of family of considerable importance..." überzeugt, wuchs meine positive Meinung mit jeder weiteren Seite die ich las.

Berdoll verzichtet keineswegs darauf, ihrem eigens gesetztem Beispiel im vorhergehenden Buch zu folgen. Zweifellos ist die anfängliche Warnung: "Hang on to your bonnet you're in for a bumpy ride!" gerechtfertigt. Nein, nicht gering sind spontane, intim gezeichnete Szenen, ganz nach dem Motto: "all should be bliss in the Darcy household", doch ihre Ausführungen sind umspielender, nicht so explizit und lassen Raum für Zweideutigkeit. Zudem schwingt immer das Gefühl mit, dass "his cosseting [is] his chief occupation...". Ob Darcy nun hormongesteuert oder nicht, kommt es zu "intimate nuzzlings and erotic delights", nimmt sich die Autorin merklich mehr Zeit für Ersteres. "(L)augh together beneath the bed-clothes" wird nicht minderwertiger abgehandelt als die "reunification of mons veneris and mons pubis", wie sie es nennt.

Dass Berdoll zudem nichts auslässt was Mutterwerden mit sich bringen kann und sie sowohl Frau als auch Mann in ein Gefühlsbad aus Selbstzweifel, Scham, Bewunderung und Hingabe steigen lässt, ist nicht minder Stoff für wunderbar amüsante und einfallsreiche Momente. Famos gelingt ihr aufzuzeigen wie Darcy und Elizabeth "had embarked upon a different road - one where they walked side by side, but not hand in hand.", doch schließlich wieder auf den alten Weg zurückfinden.

Letztendlich hätte ich zwar auf jene offenbarenden Szenen leicht verzichten können, jedoch empfand ich sie keineswegs als beleidigend oder anstoßend. Manch untergelegte Unterhaltung regt außerdem schnell zum Schmunzeln an und die ein oder andere Geste übermittelt mehr Hingabe, als Worte es an anderer Stelle vermögen. Der Zusatz "Pride and Prejudice continues" verwunderte mich etwas, doch Berdolls erstes Buch "The Bar Sinister" (bzw. "Mr Darcy takes a wife") zu lesen ist in der Tat nicht nötig. Ausgiebig widmet sie sich dem vorangehenden Roman durch Rückblicke. Diese sind teilweise überladene Beschreibungen, lassen aber zu, dass jeder sofort dieses Buch greifen kann, ohne im Erstaunen über Verbindungen zwischen Personen zu versinken - welche überaus dicht verknüpft sind.

Die gewaltige Vielzahl von erinnerungswürdigen Geliebten, mehr unehelichen als ehelichen Kindern, Freunden, verschollenen Bekannten, auferstandenen Totgeglaubten oder knapp erwähnten Angestellten, hält Berdoll nicht davon ab, alle paar Kapitel Figuren noch umfangreicher zu gestalten und verzwickter ins Geschehen einzubinden. Das Aufrollen jedes einzelnen Schicksals kann folglich des öfteren langatmig und zunächst grundlos ausschweifend wirkend. Die Familie Arbuthnons beispielsweise, scheint zunächst ein verzweifelter Versuch zu sein wenigstens irgendeine Art Handlung einzubauen und neben Liebesschwüren und Familienplanung auch etwas geschehen zu lassen was mit jener Welt entfernt von Vier-Pfosten-Betten irgendwie zu tun hat. Beschwerlich scheint eine Weiterentwicklung stattzufinden. Doch Berdoll versteht es zu entschädigen! Es ist nicht nur bemerkenswert wie alles ineinander greift. Die am Ende stehenden Enthüllungen sind es wert jede längere rückblickende Passage zu lesen - was es folglich zu einer wahren Schande macht, dass sich all diese Ausführungen und ihr Sinn, sich erst viel später im Roman als auszahlend herausstellen. Die Autorin läuft eine immens große Gefahr im ersten Drittel ihre Leserschaft zu verlieren, welche sich nicht mit Bettgeflüster, Voyeurismus und ungezügelten Gedankengängen zufrieden gibt. Kurze Dialoge mit irrelevantem Inhalt und Floskeln mag man zu Beginn ebenso gewagt empfinden, wie die überlangen Erzählpassagen eintönig.

Zwischen "scandalous liaisons" und "coniubal lust" passen auch Geschichtsdaten und so wie sich Waterloo geradezu perfekt in die Handlung einpasst, tun dies weitere zahlreich eingefädelte Alltäglichkeiten. Berdoll geizt nicht, reichert sie den Inhalt mit Zeitverweisen an. Sei es die beau monde in Bath, "French letter" oder die altbekannte "Gowland's Lotion" und sanitäre Einrichtungen. Besonders die Seebäder wie Bath, Withcombe oder Brighton haben es Berdoll angetan. Neben "healing waters" sorgen Duelle und allerlei Konventionen in den unterschiedlichsten Sparten des Alltagslebens für das Flair jener Epoche. Und während Miss deBourgh zu einer zweiten Catherine Morland wird, erfreut man sich an passend eingefädelte Namen wie Nelson oder Diskussionen über "wet-nurses". Linda Berdolls Drang zu beschreiben und Ausführlichkeit walten zu lassen, beschränkt sich keineswegs nur auf den Liebesakt, sondern reicht bis zum Trauern über den toten Körper oder von Einrichtung über Kleidung zu Mimiken und Gestiken. Der Einfluss der '95er Verfilmung ist zudem oft unverkennbar.

Allmählich geschah es dann, dass die Kapitel mich zunehmend leichtfüßiger durch das Buch brachten und ich Berdolls neueingeschlagenen Kurs immer bereitwilliger folgte. Was den Schreibstil und Handlung angeht, fällt auf, dass besonders das letzte Drittel des Romans eine beachtliche Handlungsdichte besitzt. Überraschungen für den Leser als auch für die handelnden Personen selbst folgen auf Schritt und Tritt, was enorm unterhaltend ist. Unverhofft verdichten sich Vorfälle. Die Perspektivwechsel, welche den Leser zum Allwissenden machen, der mit ansehen muss wie Missverständnisse ihre Spielchen mit den Charakteren treiben, sind geschickt. Das Hin- und Herspringen auf der Zeitachse lässt das große Puzzle erst allmählich zu einem Bild werden. Die unglaublich vielen Zufälle, welche ein Netz aus Verwirrung spinnen, sind verzwickt, abenteuerlich, doch nie unglaubwürdig. Sind die Darcys erst einmal getrennt, Elizabeth nicht mehr in Begleitung ihres "guardian angels", kann der Leser sich auf Unwissenheiten und überwältigend clevere Geschehnisse und unerwartete Zusammentreffen freuen. Die letzten Kapitel wurden von mir mit gefesseltem Interesse verschlungen. Nichts scheint am Ende mehr behelfsdramatisch aus Mangel an Themen und Motiven, wie es bedauerlicherweise schnell in den ersten Kapitel den Anschein geben kann.

Neben Wortspielen und unerwarteten Situationen, sorgen nicht nur eine Schnappschildkröte, Schafe oder ein nackt, dazu überglücklicher, in den Straßen Londons, umherhüpfender Bingley für Witz und Lebhaftigkeit. Frustrierend dagegen, sind so manche Offenbarungen, die solch einen tiefschwarzen Schatten auf die Zufriedenheit geliebter Personen werfen. Ich fragte mich viel öfter, ob Berdoll nicht zu weit darin ging, zu fatale und zu schwerwiegende gesellschaftliche Entdeckungen und sozialeVerwicklungen einzubauen, als dass sie zu viel Freizügigkeit in der Darstellung von Eheleben walten lässt. Berdoll ist eine Meisterin darin Leid zuzufügen, alles hoffnungslos scheinen zu lassen und zweifellos geben vierhundert Seiten ihr ausgiebig Gelegenheit dazu. Sie bringt den Leser dazu sich zu sorgen und mitzubangen.

Kaum ist eine Lydia mit Hysterien und Selbstgefälligkeit besser vorzustellen, ohne übertrieben zu wirken. Eine rücksichtslos planende Lady Catherine oder ein sich durch das Leben windender Wickham, sind keine Ausnahme, betrachtet man gelungene Charaktere. Somit sollen ein paar weitere Worte dazu gerechtfertigt sein: Hinter den Handlungen steckt ein würdiger, integerer und zurecht stolzer, als auch starker Mr Darcy mit einer lebensfrohen, cleveren, nicht minder hingebungsvollen und unerschrockenen, sowie herrlich eigensinnigen Mrs Darcy an seiner Seite. Die zeitweise naiven, typisch weiblichen Schwächen entfremden Elizabeth nicht ernsthaft, machen sie als Mutter, Tochter und Schwester, nicht zuletzt als Frau, nur menschlicher.

Neben der "odd duck" Charlotte ist es wohl Georgiana, die dem Sprichwort "stille Wasser sind tief" Berechtigung auf Wahrheit zuspricht. Doch auch in Anbetracht ihres Schwindels, kann man fast sagen, dass der Zweck auch hier die Mittel heiligt. Ihr Aufleben in den ,Pflichten' einer verheirateten Frau, spricht im Moment der Schwäche ihres Mannes, eher für ihre tiefen Gefühle, als für uncharakteristischen Übermut.

Ein ,Bravo!' für Linda Berdoll, der ersten Autorin, der ich zugestehe, dass sie Wickham angedeihen ließ was für mich nicht nur gerechtfertigt, sondern auch glaubhaft schmerzhaft und niederschmetternd für ihn ist. Bewundernswert sind ihre Ideen und die Darstellungsweise eines solchen Charakters! Leider ist dies aber auch die Stelle an der es sich bezahlt macht "Mr Darcy takes a wife" doch gelesen zu haben, um die wahrhaftigen Ausmaße Wickhams fatalen Schicksals zu erfassen. Neben den Figuren tragen auch die Handlungsorte zur vielfältiger Gestaltung bei. Von prachtvoll ausstaffierten französischen Gemächern einer Kurtisane, kommt man nicht am Whitechapel Workhouse oder den gesetzlosen Hintergassen Londons und heruntergekommenen Lusthäusern vorbei. Nicht zu vergessen die saftig grünen Wiesen und Wälder Pemberleys.

Während im ersten Buch Berdoll noch schmachlose nasse, am Körper klebende Hemden auskostete und zum Objekt weiblicher Fantasien werden ließ, scheint "Darcy and Elizabeth" zumindest eine Annäherung an einen Kompromiss zwischen jenen zu sein, die beim "The Bar Sinister" ihre Vorstellungen durchgehen ließen und solcher, die es prickelnder empfinden die Leidenschaft von austengeschaffenen Charakteren in den Konventionen vergangener Zeiten gezügelt zu sehen. Nun, dass "Bingley found release outside his marriage", ist vermutlich ein weiterer Grund warum konventionell eingestellte Leser nicht zu Berdoll greifen. Romantisch Veranlagte werden kaum ihre Stirn faltenfrei halten können, geht es besonders um Geliebte oder Dienstmädchen, welche ihre Dienste umfangreicher gestalten müssen. Berdoll kann, mit noch so vielen Gesprächen und Liebesbeweisen, die von ihr verursachten Flecken auf dem Bild, was selbst ein Leser Austens unseres Jahrhunderts von einem unbefleckten Mr Darcy hat, einfach nicht befriedigend bereinigen. Doch, umso mehr darf er bei ihr Held sein. Und dass dieses Mal kein blutrünstiges Gemetzel wie im Vorgängerroman von Nöten ist, um Mut, Entschlossenheit, Hingabe oder eben Liebe sprechen zu lassen, sollte auch jene Leserschaft versöhnlicher stimmen. Letztendlich war auch für mich "his stalking" der eigenen Frau amüsant und Darcy - "driven mad with desire" - kann einem sogar, im Angesicht der herrlich verworrenen Missverständnisse, leid tun.

Es würde mich kaum verwundern, würde ein drittes Buch bereits entstehen, da das Ende nicht vollkommen festgelegt ist. Jedoch an dieser Stelle bleibt lediglich zu sagen: Linda Berdoll kann vielerlei vorgeworfen werden, aber ganz sicher nicht Einfallslosigkeit. "Darcy and Elizabeth" ist für alle Charaktere eine Achterbahn der Gefühle. Dieser Roman ist eine reife, ausgeklügelte Kette von Zwischenfällen, Zufällen und Glücksfällen. Ein Buch was viele inhaltslose, gefühlduselige und falschdarstellende Folgeromane weit hinter sich lässt. Niemand zuvor brachte es fertig Austens Charaktere so gelungen auch mit den beängstigenden Seiten dieser Jahrhundertwende zu vereinen. Ohne Frage verdient "Darcy and Elizabeth" es, zumindest probehalber gelesen zu werden.

Mit einem Lächeln konnte ich auf das Ende blicken, mit dem Berdoll das Buch beschließt. Denn mit etwas guten Willen, können in Elizabeths Antwort "No, [...] Never.", auf Darcys Frage, ob er sie jemals verletzt hätte, vielerlei tiefgründigere (wer will romantische) Bedeutungen hineininterpretiert werden, als die eine, welche in der Szene am offensichtlichsten ist. (Mella 06/06)



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