Miss Lucy Steele

von Ruth Berger


Cornelias Meinung

Miss Lucy Steele - Buchcover

erstmals erschienen: Januar 2005
Taschenbuch, Rowohlt, ISBN: 3499238438



Cornelias Meinung

In Ruth Bergers Roman "Miss Lucy Steele" geht es um eben jene Lucy Steele, die wir bei Jane Austens "Verstand und Gefühl" kennen lernen durften. Nur dieses Mal beginnt die Geschichte lange vor den Dashwood Schwestern und wird außerdem aus einer vollkommen anderen Perspektive geschildert.

Der Roman beginnt mit der Heirat des Thomas Steele mit Miss Charlotte Pratt. Eine Heirat, die von den Eltern der Braut missbilligt wurde und die außer zwei Kindern, Anne und Lucy, nichts Positives brachte. Die Autorin beschreibt, wie ich meine, sehr anschaulich und lebhaft Lucys Kindheit und Heranwachsen im Kreise ihrer Familie, das heißt, einem missgelaunten Invaliden, einer alkoholsüchtigen Mutter und einer albernen, oberflächigen Schwester. Man empfindet Mitleid mit der sympathischen, menschenfreundlichen Lucy Steele, die vom Schicksal herumgestoßen wird, bis sie schließlich im Hause ihres Onkels Mr. Pratt auf Mr. Edward Ferrars stößt. An dieser Stelle angekommen veränderte sich mein Lob über Ruth Bergers Werk in Entsetzen. Edward als schüchtern und linkisch hinzustellen, in Ordnung. Doch mit jeder Seite wurde er mir unsympathischer als es je ein anderer Charakter Jane Austens gewesen wäre. Dieser Eindruck verfestigte sich im Laufe der Lektüre noch stärker. Edward wird als ein junger Mann dargestellt, der Lucy Steele verführt, hauptsächlich um sich selbst etwas zu beweisen und der die Heirat nur so sehr hinauszögert, um ja keine Probleme oder Komplikationen heraufzubeschwören. Er scheut jeden Konflikt, wünscht sich den Tod der Personen, die ihm im Weg stehen (einmal sogar Lucys) und sieht später die Heirat mit Elinor lediglich als die einfachere Möglichkeit, verglichen mit einer Ehe mit Lucy, an, von Liebe keine Spur. Auch die Darstellung der Dashwood-Damen bedeutete zunächst eine große Hemmschwelle für mich. Man muss, um fair zu bleiben, alle Sympathien für Elinor und Marianne, die man bei Jane Austen gesammelt hat, über Bord werfen und daran denken, dass Mariannes temperamentvolles und auch etwas extrovertiertes Wesen auf Fremde abschreckend wirken kann. Elinor wird als kühl und distanziert dargestellt, was ich auch noch nachvollziehen kann. Jedoch begegnet sie Lucy stets mit Spott und Herablassung, was mir nicht gefällt, da ich Elinor trotz allem für sehr herzlich und liebenwürdig halte - selbst zu den Geliebten-wegnehmenden-Verwandten. Außerdem scheint auch sie Edward nicht sehr zu lieben, zieht sich doch, laut Ruth Berger, auch Colonel Brandon als Heiratskandidaten in Erwägung und ist die spätere Ehe Elinors und Edwards eine Verbindung, die nur die eine Gemeinsamkeit kennt: über Miss Lucy Steele und ihre Impertinenz herzuziehen. Wer in diesem ganzen Szenario noch fehlt ist der gute Robert Ferrars, von dem man ja weiß, dass er später Lucy heiraten wird. Ich war gespannt, wie Ruth Berger einen triftigen Grund für diese Ehe finden will, da Lucy noch fünfzig Seiten vor Buchende Robert für einen "oberflächigen Stutzer" hält, was ja Jane Austens Darstellung sehr nahe kommt. Aber wie könnte es sein, Robert erweist sich in den Gesprächen mit Lucy, diese von seinem Bruder loszueisen, als wirklich sympathisch und humorvoll. Dies ist jedoch kein Vorwurf an die Autorin, schließlich hat uns Jane Austen nie den wirklichen Charakter Robert Ferrars' offenbart. Ich habe mich am Ende richtig für die herzensgute, wenn auch sehr naive Lucy gefreut, dass sie Robert schließlich Edward vorzieht, der noch einmal beweist, dass er ein "Rückrat wie ein Gummibärchen" hat, da er Lucy, Wochen nach Bekanntgabe der heimlichen Verlobung, fallen lässt.

Abschließend lässt sich sagen, dass Ruth Berger eine sehr interessante Variante von "Verstand und Gefühl" geschaffen hat, die ihr eigentlich auch sehr gut gelungen ist, da sie die Austensche Handlung nicht verdreht, sogar Originalsätze aus "Verstand und Gefühl" verwendet und bei ihrem Schreibstil auch die für Jane Austen typische Ironie nicht vergisst. Nicht gefallen hat mir nur ihre Darstellung von Edward und Elinor. Ich denke, dass Ruth Berger so verrannt war in die Idee, die ehemals positiven Charaktere negativ zu gestalten und die negativen positiv, dass sie vergessen hat, dass gute Charaktere wie Elinor und Edward sich niemals derart verändert können, egal aus welcher Perspektive man sie betrachtet.

Trotzdem empfehle ich das Buch für alle die weiter, die bereit sind, ein Auge zuzudrücken. (Cornelia, Gast, 07/05)



zurück zur Übersicht




Index Update Biographie JAs Werk JAs England Links Sekundärliteratur
Filme Musik Fanfiction Suche Gästebuch Chat JAF-ML Board


Web-Katalog.net