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Miss Mary Bennet
oder:
Was Mrs Bennet zum perfekten Glück noch fehlte

von Anne




Teil 1 Teil 2 Teil 3


2.Kapitel


Anmerkung: Diese Fanfiction wurde überarbeitet. Während das in den ersten drei Kapiteln kaum spürbar ist, gibt es große Veränderungen ab Kapitel 4, bzw. mittlerweile auch ein völlig neues 5.Kapitel.


Kapitel 1

Die Freude, welche man verspürte, wenn man die Schwester der allseits beliebten, glücklichen und dazu noch recht wohlhabenden Mrs. Darcy, Mrs. Bingley, Lady Bristol und der verwitweten Mrs. Wickham, baldige Mrs. Denny, war, kannte auch bei Miss Mary Bennet keine Grenzen. Nun ja, fast keine Grenzen - hätte sie nicht immer wieder von ihrer Mutter, Mrs. Bennet, vom Glück der Schwestern zu hören bekommen - immer mit dem Drängen verbunden, sie solle sich doch bitte auch bald so glücklich verheiraten. Und so befand sich unsere Heldin, froh dem Jammern der Mutter zu entkommen, in der Kutsche nach Derbyshire, nachdem sie es tatsächlich gewagt hatte, auf ihrer Reise von Bath nach Pemberley zu ihrer Schwester Elizabeth, im Hause ihrer Eltern halt zu machen.

Mary Bennet, 28 Jahre, noch immer unverheiratet und somit für die meisten 'eine alte Jungfer', liebte ihre Eltern und Longbourn sehr, doch hatte sie sich bereits im Alter von 18 Jahren in die Stellung einer Gouvernante und Hauslehrerin geflüchtet. Zu erst hatte sie in London die Kinder einer Bekannten ihrer Tante Mrs. Gardiner im Lesen und Rechnen unterrichten dürfen. Nach zwei Jahren wechselte sie zu einer Familie in Brighton und wiederum zwei Jahre später zu einer Familie nach Bath, um deren Töchter, neben dem Lesen und Rechnen, auch Lektionen in richtigem Betragen zu erteilen, denn Eltern in Bath schienen in Anbetracht der vielen Vergnügungsmöglichkeiten immer in Angst um die Moral ihrer Kinder zu leben. (Dennoch zogen sie es nicht auch nur ein Mal in Betracht, den Ort zu Gunsten eines ruhigeren Lebens zu verlassen.)

In all den Jahren hatte Mary nie aufgehört, Bücher aller Art zu lesen und so war sie nun bestens bewandert in Dingen der Literatur, der Kunst, der Religion, der Geographie und der Geschichte. Bereits in Bath hatte sie die beiden Töchter der Familie Morton, Eleanor und Elizabeth, in diesen Fachgebieten unterrichtet, so dass jene nach sechs Jahren, in denen sie von Miss Bennet gelernt hatten, gebildeter und weltoffener waren als ihre vierzehnjährigen Altersgenossinnen. Nur ungern hatte die Familie die Lehrerin entlassen, doch konnten sie sie auch nicht zurückhalten, als diese auf Bitten ihrer Schwester Mrs. Darcy eiligst nach Pemberley in Derbyshire aufbrechen wollte.

Pemberley im Mai 1824

Meine Liebe Mary,

Mit viel Freude las ich all Deine Briefe, in denen Du mir so farbenfroh Dein Glück in Bath schildertest. Und so fällt es mir doppelt schwer, Dich um einen Gefallen zu bitten, der keinen Aufschub duldet.

Die Gouvernante meiner Kinder, Miss Margaret Dashwood, wird in weniger als drei Monaten heiraten und wir werden ohne Lehrerin sein. Ich würde sie selbst unterrichten, erwartete ich nicht bald das nächste Kind. Würdest Du uns helfen? Könntest Du so schnell wie nur irgend möglich herkommen und Miss Dashwoods Platz einnehmen? Mr. Darcy würde Dich natürlich angemessen bezahlen.

Bitte antworte schnell.

In Hoffnung, dass Du meine Bitten erhörst,

Deine Lizzy

Mary hatte den Brief unzählige Male gelesen und einige Tage darüber nachgedacht. In Bath hatte sie sechs glückliche Jahre bei den Mortons verbracht, doch wenn eine ihrer Schwestern ihre Hilfe benötigte, konnte sie das doch nicht einfach ignorieren. Nach drei Tagen ging sie zu Mrs. Morton, um sie um die Entlassung zu bitten. Jene sprach am Abend mit ihrem Gatten und beide riefen Mary am Tag darauf zu sich. Mary erklärte erneut, warum ein so plötzliches Abreisen von Nöten war und wurde dann schweren Herzens von ihren Aufgaben entbunden. Eleanor und Elizabeth weinten bitterlich und ließen sie erst gehen, nachdem ihr das Versprechen abgerungen war, sie möge sie doch bald wieder in Bath besuchen.

Drei Wochen, nachdem Mary ihr Kommen Elizabeth zugesichert hatte, begab sich die junge Frau auf die Reise und musste den Umweg über Longbourn machen, nachdem Mrs. Bennet von Marys neuer Anstellung bei ihrer zweitältesten Tochter gehört hatte. Oh, und wie entzückt war die Mutter von dieser Möglichkeit. Sicher, in Bath wären Mary schon viele Gentlemen über den Weg gelaufen, doch tat sie sich glücklich damit, nicht einen von ihnen geehelicht zu haben, handelte es sich bei ihnen doch mit Sicherheit nur um Halunken. Aber in Derbyshire, ja, dort, wo Mr. Darcy unzählige Kontakte zu reichen, ehrbaren Junggesellen haben musste, dort musste sich doch auch ein Gatte für Mary finden. Natürlich, so hübsch wie Lydia war sie nicht und so konnte sie selbstverständlich nicht darauf hoffen, ebenso viel Glück zu haben wie die Jüngste, die sich nun schon den zweiten fabelhaften Ehemann gesichert hatte, nachdem der erste unter so tragischen Umständen dahingeschieden war, doch auch die unscheinbaren Gentlemen mussten irgend jemanden heiraten und wen, wenn nicht die ebenso unscheinbare wie reizlose Mary Bennet.

Die hatte aber nie besonders viele Gedanken ans Heiraten verschwendet und glaubte auch nicht, dass sie es jemals tun würde. Nachdem all ihre Schwestern verheiratet waren und sie das Geld, dass sie als Lehrerin verdiente, ansparen hatte können, sah sie keine Veranlassung mehr, den Stand der Ehe einzugehen. Wozu brauchte sie, die mit 5000 Pfund durchaus auf eigenen Beinen stehen konnte, sollten ihre Eltern sterben, noch einen Mann? Von diesen Gedanken erzählte sie ihrer Mutter allerdigns nichts. Vermutlich hätten sie Mrs. Bennet zu einem weiteren Nervenzusammenbruch verholfen.

Doch zurück zu der Kutsche, in der unsere Heldin nun saß. Die Mittagsstunde war gerade erst vorbei, Mary war aus denkbaren Gründen bereits gegen 8 Uhr aufgebrochen, als sie schon den größten Teil des Weges hinter sich gebracht hatten. Allerdings waren sie trotz der fortgeschrittenen Stunde beinahe die einzigen, die sich auf der Straße befanden. Offenbar hatte es hier, weiter nördlich von Longbourn, am Abend zuvor heftig geregnet und die Straßen waren an einigen Stellen noch überflutet. An eben solch einer Stelle wurde Mary von ihrer Lektüre aufgeschreckt, als es heftig ruckte, der Wagen leicht kippte und schräg im Schlamm stecken blieb. Mary versuchte vorsichtig aufzustehen und aus der Kutsche zu gucken, um zu sehen, was geschehen war. Weit und breit war nichts von dem Kutscher oder sonst wem zu sehen, der ihr aus dem Wagen hätte helfen können. Der Kutscher war wohl auf der Suche nach den Pferden, die sich vor Schreck auf und davon gemacht hatten, denn auch die waren nirgends zu erblicken. Mary seufzte, schob ihre Brille zurecht, glättete ihre Haare, hob ihren Rock leicht an und sprang vorsichtig von der Kutsche. Sie kam mit beiden Füßen im Schlamm auf, fand aber keinen Halt und rutschte aus, so dass sie nur kurz darauf im Schlamm saß. Natürlich musste ihr das passieren. Ausgerechnet in diesem Augenblick kam ein Reiter auf der 'Straße des Unglücks', wie Mary sie nun bezeichnete, entlang, hielt an, stieg vom Pferd und zog seinen Hut, als sich das Fräulein schnell selbst aus ihrer misslichen Lage erhob, obwohl es am liebsten vor Scham in der Erde versunken wäre. Als sie aufblickte, erkannte sie den Herren, bezweifelte aber, dass er sich an sie erinnerte.

"Guten Morgen," grüßte er höflich. "Wie kommt eine junge Dame wie Sie, in eine derart seltsame Situation in einer Kutsche ohne Kutscher und Pferde?"

"Das wird mir wohl nur der Kutscher verraten können, der wohl gerade auf den Suche nach den Pferden ist, Colonel Fitzwilliam."

"Oh, Sie kennen meinen Namen? Verraten sie mir auch, wo wir uns bereits begegnet sind?" Er schien zu überlegen, aber der Lösung nicht näher zu kommen.

"Ich bin überzeugt davon, dass sie mich prompt vergaßen, nachdem wir einander vorgestellt wurden, treffen sie doch täglich so viele interessante Menschen." Mary klang ungewollt schnippisch. Sie zwang sich zu mehr Höflichkeit und setze erneut zu sprechen an. "Ich bin Mary Bennet, Elizabeth Darcys Schwester."

"Natürlich, jetzt wo Sie's sagen. Sind sie nicht diejenige, die mich auf Darcys Hochzeit maßregelte, weil Sie glaubten, ich nähme die göttliche Institution der Ehe nicht ernst genug?"

Mary errötete auf der Stelle. Warum vergaß niemand, dass sie einst versucht hatte, jeden mit moralischen Zitaten von Fordyce zu belehren? All das war ihr heute höchst peinlich (hatte sie doch die Weltfremdheit in Fordyces Interpretation der heiligen Schrift entdeckt) und sie suchte verzweifelt nach einer passenden Antwort. Doch bevor sie sprechen konnte, fuhr der Colonel fort: "Da ich bis heute noch nicht in den 'Hafen der Ehe' eingekehrt bin, hatten sie wohl recht, Miss Bennet," lachte er. "Doch bevor wir weiter über Vergangenes plaudern, sollte ich ihrem Gefährt vielleicht besser aus diesem Loch helfen. Ah, da kommt auch schon ihr Kutscher mit den Pferden. Zu zweit sollten wir es schaffen, die Räder zu befreien."

Schon wandte er sich ab und ging auf den anderen Mann zu, um sich mit ihm über das weitere Vorgehen zu beraten. Mary erinnerte sich nun, was für ein Bild sie abgeben musste so vollkommen verdreckt und versuchte verzweifelt, ihr Kleid abzuklopfen, doch ohne Erfolg. Die beiden Männer kamen näher und wollten mit der Rettungsaktion beginnen. Zuvor jedoch zog jeder der beiden seinen Mantel aus und streifte die Hemdsärmel nach oben.

Mary, die, wie es sich gehörte, wegsah, als sie sich die Herren ihrer Mäntel entledigten, entfernte sich ein Stück von der Kutsche. Der Kutscher spannte die Pferde erneut an und wollte sie führen, während Colonel Fitzwilliam das Gefährt zu schieben versuchte. Nun muss leider gesagt werden, dass es bei diesem Versuch blieb, denn wenn er rechts schob, sank das linke Rad weiter ein und wenn er links schob, das rechte. Die Kutsche jedoch bewegte sich kein Stück weiter.

"Soll ich helfen?" Mary hatte die Rettungsaktion genauestens beobachtet und eine Idee, wie sie doch noch klappen könnte.

"Sie, Miss Bennet? Wäre das nicht höchst unschicklich?" fragte der Colonel mit einem leichten Grinsen.

"Allein schaffen sie es nicht und mein Kleid ist sowieso ruiniert. Und wenn ich nur ein wenig an der linken Seite schiebe, müssten wir die Räder befreien können."

Erstaunt blickte der Colonel sie musternd an. "Gut beobachtet. Also dann - aber verletzen sie sich bitte nicht." Nachdem Mary ebenfalls ihren Mantel abgelegt hatte, stellte sie sich an das linke Hinterrad und versuchte es mit Hilfe einer Holzplanke, die der Kutscher von einem Bauernhof mitgebracht hatte, anzuheben, während der Colonel am rechten schob. Und tatsächlich: Gemeinsam schafften sie es schließlich, wenn auch mit viel Mühe. Erschöpft strich sich Mary mit dem Handrücken über die Stirn und lächelte zufrieden. Sie wandte sich an den Colonel und dankte ihm, für seine Hilfe.

"Ich nehme an, dass Sie auf dem Weg nach Pemberley sind?"

"Ja, das bin ich."

"Nun ja, bis dorthin ist es nicht mehr so weit und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf: machen sie möglichst keine Rast mehr, bevor Sie ankommen, wenn sie nicht zu viel Aufsehen erregen wollen." Er lachte nun, als Mary vollkommen erschrocken "Oh!" rief und im Wagen verschwand.

In der Tat verging nur noch eine Stunde, bis sie endlich die Gärten von Pemberley entdeckte. Es wäre auch zu peinlich gewesen, hätte sie an einem Gasthaus anhalten müssen.


Kapitel 2

Die Kutsche hielt direkt vor dem Haupteingang Pemberleys, wo auch schon das Ehepaar Darcy auf Mary wartete. Ohne sich darüber zu wundern, wie der Zeitpunkt ihrer Ankunft vorhergesehen werden konnte, begrüßte die jüngere ihre ältere Schwester und deren Gatten herzlich, erfreut beide nach so langer Zeit wieder zu erblicken. Immerhin waren drei Jahre seit dem letzten Aufeinandertreffen vergangen und auch der schwesterliche Briefkontakt wurde hier nicht so beständig gepflegt wie zwischen Elizabeth und Jane, oder Lydia und Kitty. Mary war immer die mittlere Schwester ohne größeren Bezug zu den übrigen vieren gewesen. Umso mehr freute es sie, dass Lizzy gerade sie um Hilfe bat, wo doch Jane sicher mit einer Lösung zur Seite gestanden hätte.

"Liebe Mary, ich bin so froh, dass Du kommen konntest. Du willst Dich doch sicher ausruhen nach der anstrengenden Reise, nicht wahr?"

Elizabeth Darcy umarmte ihre Schwester ebenso herzlich, wie sie selbst begrüßt wurde, konnte aber ein Schmunzeln bei Marys Anblick nicht unterdrücken. Was war nur geschehen?

Ihr Ehemann, Fitzwilliam Darcy, mehr als wohlhabender Besitzer von Pemberley und die große Liebe in Elizabeths Leben, betrachtete seine Schwägerin ebenfalls grübelnd. Auch darauf bedacht, diesen Anblick vor seinen Sprösslingen zu verbergen, unterstützte er Elizabeth in ihren Drängen, Mary könne sich ohne die üblichen gesellschaftlichen Gepflogenheiten auf ihr Zimmer begeben.

Und so befand sich unsere Heldin nur kurze Zeit später in den Gemächern, die zumindest für ein paar Monate ihr gehören würden - ohne Tee, der sie hätte aufwärmen können, und ohne ihre Nichten und Neffen gesehen zu haben. Als sie jedoch in den Spiegel blickte, wusste sie warum. 'Was sollen sie nur von mir denken?' fragte sie sich bestürzt und hätte einige wenige Tränen der Verzweiflung vergossen, wäre nicht Eile gefragt gewesen. Auch klopfte es an der Tür und ein Dienstmädchen trat ein.

"Ich bin Jenny, Miss. Mrs Darcy hat mich Ihnen für die kommenden Monate zugedacht."

"Erfreut Jenny. Könntest du mir bitte eine Schüssel mit heißem Wasser bringen?"

Nachdem sich Mary vom Dreck der Straße befreit hatte, zog sie ein taubengraues Kleid an und formte ihre Haare zu einem einfachen Knoten. Dann begab sie sich ins Erdgeschoss und wurde von einem Butler ins Teezimmer geführt. Bereits vor der Tür vernahm sie Gesprächsfetzen, die nichts gutes ahnen ließen. Als sie eintrat, sah sie auch sofort den Grund dafür: auch Colonel Fitzwilliam war natürlich anwesend und berichtete bereits von ihrem Aufeinandertreffen, sowie der schwierigen Rettungsaktion. Alle lachten fröhlich, als sie seinem Bericht lauschten, nur Mary nicht.

Beschämt betrat sie das Gesellschaftszimmer und die Herren erhoben sich, bis sie sich auf den Platz neben dem Fenster gesetzt hatte.

"Ach Mary, das Missgeschick tut mir schrecklich leid," wandte sich Elizabeth nun an sie und ergriff mitfühlend ihre Hand. "Ich hoffe, Du hast Dich von dem Schrecken erholt?"

"Ja, das habe ich," versicherte ihre jüngere Schwester.

"Dann kann ich dir ja Miss Dashwood und deine zukünftigen Schüler vorstellen. Sie müssten sich gleich zu uns gesellen. Tee?"

Kaum das Mary ihre Tasse Tee entgegen genommen und sie auf einem kleinen Tischchen neben sich abgestellt hatte, öffnete sich die Tür schwungvoll und herein kamen vier Kinder unterschiedlichen Alters.

Elizabeth lächelte und holte sie alle vier zu sich.

"Meine lieben Kinder. Ich hoffe, Ihr erinnert Euch noch ein wenig an Eure Tante Mary. Mary, das sind William, der älteste mit 10 Jahren, die Zwillinge Emma und Josephine, beide 8 Jahre alt und unser kleiner John, 7 Jahre alt." Die Kinder, zumindest die beiden Mädchen und der jüngste, schienen sich ein wenig hinter ihrer Mutter zu verstecken. Mary versuchte, sie aufmunternd anzulächeln, als Lizzy auch schon fortfuhr. "Ah, und hier kommt unsere wundervolle Miss Margaret Dashwood."

Ein Mädchen von vielleicht 24 Jahren betrat das Teezimmer. Sie hatte blonde Locken, blaue Augen, rosige Wangen und ein einnehmendes Lächeln.

"Margaret, das ist meine Schwester Mary," stellte Elizabeth die beiden einander vor.

"Sehr erfreut, Miss Bennet, ich habe schon so viel von Ihnen gehört."

"Ebenso, Miss Dashwood. Und darf ich Ihnen bei dieser Gelegenheit zu Ihrer Verlobung gratulieren?"

"Vielen Dank, Miss Bennet."

Wahrscheinlich hätten die beiden Damen noch mehr Worte miteinander wechseln können, wenn nicht die Kinder nach ungeteilter Aufmerksamkeit verlangt hätten.

"Mama, wir haben einen Frosch gesehen!" berichtete der älteste der vier Geschwister voll Enthusiasmus, begleitet von passenden Kommentaren seiner Geschwister und Erklärungen von Margaret Dashwood.

Derweil waren Mr. Darcy und Colonel Fitzwilliam in ihr eigenes Gespräch vertieft und Mary lauschte eher unbeteiligt der Erzählung des Froschabenteuers. Nun ja, sie versuchte zuzuhören, ertappte sich aber immer wieder dabei, wie sie auf ihre dampfende Teetasse starrte, ohne überhaupt an etwas zu denken. Die Reise hatte sie doch mehr beansprucht, als sie angenommen hatte.

"Miss Bennet," sprach sie Margaret an. "Ich bin so froh, dass sie so früh kommen konnten. Ich werde bald nach Matlock Manor abreisen müssen, um die letzten Vorbereitungen zu treffen."

"Das ist doch das Anwesen der Fitzwilliams, wenn ich mich nicht irre," unterbrach Mary sie.

"Ja, das ist es. Dort wird auch die Hochzeit statt finden. Ich bin so glücklich. Es ist ein wunderbares Haus. Mein Verlobter und ich werden aber nach unserer Heirat nach Indien gehen, wo er in der Armee beschäftigt ist. Ich wollte immer schon nach Indien."

Mary lächelte, anstatt zu antworten.

Nach dem Abendessen fand sich die Gesellschaft, diesmal ohne Kinder, wieder im Teezimmer ein, in dem auch ein braunes Pianoforte stand. Auf Wunsch des Colonels nahm Miss Dashwood daran Platz und sang und spielte so wundervoll, wie es zu ihrem zarten Äußeren passte. Die anderen waren verzückt und verlangten nach mehr Musik, doch Miss Dashwood merkte an, dass sie alle in den letzten Jahren genug von ihrem Spiel gehört hatten und vielleicht Miss Bennet bereit wäre, die willkommene Abwechslung zu bieten. Jene setzte sich, wie gewünscht, ans Pianoforte (nicht ohne, dass Elizabeth an vergangene Jahre erinnert zusammenzuckte) und begann etwas von Beethoven zu spielen, jedoch nicht mit ihrem Gesang zu begleiten. Nein, Mary wusste, dass sie Lieder vielleicht perfekt, doch niemals mit so viel Gefühl singen konnte, wie Lizzy, oder eben die bezaubernde Miss Dashwood. Schmerzliche Erfahrungen hatte sie in dieser Hinsicht in ihrem ersten Jahr als Lehrerin in London machen müssen, als sich die Töchter der hoch angesehen Familien über sie belustigt hatten. Seitdem hatte Mary nie wieder vor anderen gesungen, nur für sich selbst, denn sie liebte es zu singen, wollte sich jedoch um alles in der Welt die sichere Beschämung eines öffentlichen Auftrittes ersparen.

Als sie geendet hatte, folgte höflicher Applaus und eine Frage des Colonels: "Miss Bennet, ich bin verzaubert ob Ihres spielerischen Könnens," sagte er mit einem Lächeln um die Lippen, "doch wollen Sie uns gar nicht mit Ihrem Gesang beehren?"

Diesmal hatte Mary eine gute Antwort parat, über die sie nicht lange nachdenken musste: "Glauben Sie mir, Colonel, ließe ich meine Stimme erklingen, so fänden Sie das Stück bestenfalls noch halb so schön. Und wie könnte ich mit Absicht die Empfindungen aller so grausam schmälern wollen?"

"Darüber kann ich mir in der Tat kein Urteil erlauben."

Etwa zwei Stunden verbrachten sie noch ins Gespräch vertieft im Teezimmer. Als die Uhr zehn schlug, verabschiedete sich der Colonel mit dem Hinweis darauf, dass ein anstrengender Tag hinter ihm und ein weiterer vor ihm lag. Schon war Richard Fitzwilliam verschwunden und auch die anderen begaben sich nach und nach in ihre Gemächer.

Als Mary am Abend in ihrem Bett lag, konnte sie nicht umhin, festzustellen, wie wenig der Colonel und Miss Dashwood ein Liebespaar zu sein schienen, in Anbetracht der Tatsache, dass die beiden in wenigen Wochen den Bund der Ehe eingehen würden. Doch welchen Grund sollte es neben der Aussicht, nach Indien reisen zu können, für eine Heirat zwischen ihnen geben? Als zweiter Sohn der Familie konnte Richard Fitzwilliam nicht über viel Geld verfügen und Miss Dashwood wäre sicher nicht Lehrerin geworden, besäße sie ein Vermögen. Vielleicht hatte sie ja ein Vermögen von einer Tante geerbt. In derartige Gedanken vertieft, schlief Mary schließlich erschöpft ein.


© 2003/04 Anne

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